Hintergrund

Wohnungspolitische Einbettung
Die Wohnungsversorgung erfährt seit Jahren eine Steigerung der Marktorientierung. Wohnraum gilt nicht als Grundrecht, auf das jede Bewohnerin der Stadt Hamburg einen Anspruch hat, sondern als gewinnbringend vermarktbar. Sozialer Wohnungsbau ist nachrangig und oftmals den InvestorInnen frei überlassen – die Mieten neuer Sozialwohnungen hoch. Gleichzeitig lässt die Stadt Sozialbindungen auslaufen, Quartiere sollen „aufgewertet“ werden, eine andere soziale Zusammensetzung der Bewohnerschaft zu erzielen. Finanziell arme Menschen werden als „problematische Nachbarschaft“ gesehen.

In diesem teuren und dichten Hamburger Wohnungsmarkt finden neu zuziehende finanzschwache Personen schwer eine bezahlbare Wohnung, Auszüge von Partnern oder Eltern sind kaum mehr möglich und ganze Gruppen von MieterInnen mit geringer Machtposition auf dem Wohnungsmarkt werden von Stadtteil zu Stadtteil verschoben. Diese Prozesse erschweren den Aufbau und Erhalt von sozialen Bezügen, die in Krisensituationen unterstützend wirken könnten.

Der Verein Kemenate Frauen Wohnen e.V. will in dieser Situation parteilich für Frauen Zugang zu Wohnraum ermöglichen. Durch das Anmieten von Wohnraum als Träger entfallen Zugangsschwierigkeiten nach Kriterien wie Auskunft über vorherige Mietverhältnisse, Zeit der Wohnungslosigkeit, Schufa-Eintrag, deutsch klingender Nachname, Einkommensnachweis etc.

Feministischer Bezug
Frauen sind trotz jahrelangen Eintretens für Gleichberechtigung nach wie vor einem größeren Armutsrisiko und Risiko von Abhängigkeitsverhältnissen ausgesetzt. Psychiatrisierungen und Strukturen der Gewalt sowie niedrigere Löhne und mangelnde Entlohnung von reproduktiver Arbeit lassen ein eigenständiges und abgesichertes Leben für Frauen zu einer besonderen Herausforderung werden. Unter diesen Voraussetzungen wird der Verlust von eigenem Wohnraum zu einem existenzbedrohenden Einschnitt, dem teilweise nur schwer begegnet werden kann. Ein Kreislauf aus Erfahrungen, die das eigene Leben entwerten und Lebensentwürfe nicht ernst nehmen begegnet vielen Frauen innerhalb ihrer Familien, Beziehungen, in Jobs, auf Ämtern und im Gesundheitssystem. Den wenigsten Frauen wird von Beginn ihres Lebens an, vermittelt, dass ihr Wort und ihre Wünsche einen Wert haben und auf welche Weise diese durchgesetzt und wie auf Anforderungen und Regulierungen selbstbewusst reagiert werden kann.

Wir als Sozialpädagoginnen wissen darum, dass die wohnungslosen Frauen stark sind, dass sie Vorstellungen davon haben, wie ihr Leben aussehen könnte und dass sie viele Barrieren in ihrem Leben zu meistern gewusst haben. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dieses Wissen in die Gesellschaft hereinzutragen, damit die Frauen in Folge den Rücken etwas freier haben von den Zumutungen, die ihr Leben erschweren. Fallen einige der Hürden weg, so ist es vielen von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen sicher leichter, weitere Schritte zu gehen.

Wohnraum hat Vorrang
„Wer obdachlos wird, muss ganz unten anfangen. In der Regel landet er in einer schlechten und für die Stadt teuren Notunterkunft – und dort in einem Mehrbettzimmer. Ausgerechnet in dieser existentiellen Krise, wo er Ruhe und Zuwendung bräuchte, bekommt er das krasse Gegenteil“
(Birgit Müller in der Hinz und Kunzt, Juni 2012)

Einen Raum zu haben, der die Basis bietet, guten Mutes weitergehen zu können ist besonders für viele Frauen in belastenden Situationen sehr wichtig. Mehrbettzimmer und Dauerbelastung durch die Belastungen anderer Frauen (oder Männer) in Unterkünften stellen in Krisen eine große Herausforderung dar. Darum wollen wir einen Wohnraum bieten, der dem einer regulären Wohnung entspricht. Als Übergang in der Krisenzeit.

Wir beziehen uns mit der Haltung, dass der Wohnraum Vorrang hat auf den Ansatz Housing First (HF). Dieser geht davon aus, dass die Bearbeitung weiterer Konfliktthemen die Basis eines sicheren Wohnraums erfordert. Der erste Pfeiler des Konzepts ist der Bezug eines eigenen Wohnraums. Der Wohnraum stellt die Basis dar. In unserem Projekt ist – anders als im Ansatz HF angedacht – ein befristetes Mietverhältnis vorgesehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es den Bedarf nach Übergangswohnungen zur Klärung der eigenen Sitution gibt. Mit Wachsen des Projekts verfolgt Kemenate jedoch langfristig das Ziel, auch dauerhaften Wohnraum für Frauen anbieten zu können.

Der zweite Pfeiler von HF ist eine begleitende flexible sozialpädagogische Unterstützung, die für Fragen im Wohnraum selbst ansprechbar ist. Die Sozialpädagogin bietet an, für Fragen und Probleme verlässlich ansprechbar zu sein und die Frauen in der Wohnung zu treffen. Wollen die Bewohnerinnen ihren weiteren Weg auf eigene Faust meistern, so ist auch das in Ordnung. Die Sozialpädagogin versteht sich als unterstützende Hand, als Angebot.