Hintergrund

In dem teuren und dichten Hamburger Wohnungsmarkt finden finanzschwache Personen schwer eine bezahlbare Wohnung. Der Verein Kemenate Frauen Wohnen e.V. will in dieser Situation parteilich für Frauen Zugang zu Wohnraum ermöglichen.

Feministischer Bezug
Frauen sind trotz jahrelangen Eintretens für Gleichberechtigung nach wie vor einem größeren Armutsrisiko und Risiko von Abhängigkeitsverhältnissen ausgesetzt. Psychiatrisierungen und Strukturen der Gewalt sowie niedrigere Löhne und mangelnde Entlohnung von reproduktiver Arbeit lassen ein eigenständiges und abgesichertes Leben für Frauen zu einer besonderen Herausforderung werden. Unter diesen Voraussetzungen wird der Verlust von eigenem Wohnraum zu einem existenzbedrohenden Einschnitt, dem teilweise nur schwer begegnet werden kann. Ein Kreislauf aus Erfahrungen, die das eigene Leben entwerten und Lebensentwürfe nicht ernst nehmen begegnet vielen Frauen innerhalb ihrer Familien, Beziehungen, in Jobs, auf Ämtern und im Gesundheitssystem. Den wenigsten Frauen wird von Beginn ihres Lebens an, vermittelt, dass ihr Wort und ihre Wünsche einen Wert haben und auf welche Weise diese durchgesetzt und wie auf Anforderungen und Regulierungen selbstbewusst reagiert werden kann.

Wir als Kemenate – Mitarbeiterinnen wissen, dass die wohnungslosen Frauen stark sind, dass sie Vorstellungen davon haben, wie ihr Leben aussehen könnte und dass sie viele Barrieren in ihrem Leben zu meistern gewusst haben. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dieses Wissen in die Gesellschaft hereinzutragen, damit die Frauen in Folge den Rücken etwas freier haben von den Zumutungen, die ihr Leben erschweren. Fallen einige der Hürden weg, so ist es für viele von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen leichter, weitere Schritte zu gehen.

Wohnraum hat Vorrang
„Wer obdachlos wird, muss ganz unten anfangen. In der Regel landet er in einer schlechten und für die Stadt teuren Notunterkunft – und dort in einem Mehrbettzimmer. Ausgerechnet in dieser existentiellen Krise, wo er Ruhe und Zuwendung bräuchte, bekommt er das krasse Gegenteil“
(Birgit Müller in der Hinz und Kunzt, Juni 2012)

Was wohnungslose Frauen zu allererst brauchen, ist eine Wohnung.  Wir beziehen uns mit der Haltung, dass der Wohnraum Vorrang hat, auf den Ansatz Housing First (HF). Housing First bedeutet die möglichst schnelle Integration von wohnungslosen Menschen in einen abgeschlossenen und dauerhaften Individualwohnraum mit wohnbegleitenden Hilfen, falls dies erforderlich ist. Das Konzept geht davon aus, dass die Bearbeitung weiterer Konfliktthemen, einen sicheren Wohnraum erfordert, und ist aus der Kritik des derzeit immer noch angewandten Systems der abgestuften Hilfen entstanden. In der gängigen Praxis müssen die von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffenen Frauen und Männer mehrere Stufen wie Notunterkünfte, Übergangswohnheime, Betreutes Wohnen und anderes durchlaufen, bevor ein reguläres Wohnverhältnis beginnen kann.

Der erste Pfeiler des Konzepts ist deshalb der Bezug eines eigenen Wohnraums. Der Wohnraum stellt die Basis dar. Deshalb suchen wir seit 2016 gezielt auf dem Hamburger Wohnungsmarkt nach Wohnungen für wohnungslose Frauen.

Der zweite Pfeiler von HF ist eine begleitende flexible sozialpädagogische Unterstützung, die für Fragen im Wohnraum selbst ansprechbar ist. Unsere Sozialpädagogin bietet an, auch nach erfolgreicher Wohnungsvermittlung für Fragen und Probleme verlässlich ansprechbar zu sein und die Frauen in der Wohnung zu treffen. Wollen die Bewohnerinnen ihren weiteren Weg auf eigene Faust meistern, so ist auch das in Ordnung. Die Sozialpädagogin versteht sich als unterstützende Hand, als Angebot.

Übergang

Ergänzend bieten wir auch, anders als im Ansatz HF, in unserer vereinseigenen Wohnung ein befristetes Mietverhältnis von zwölf Monaten, mit fester sozialpädagogischer Begleitung an. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es den Bedarf nach Übergangswohnungen zur Klärung der eigenen Situation gibt, zumal, wenn bei dem angespannten Wohnungsmarkt, zeitnah keine eigene Wohnung gefunden wird. Einen Raum zu haben, der die Basis bietet, guten Mutes weitergehen zu können ist besonders für viele Frauen in belastenden Situationen sehr wichtig. Mehrbettzimmer und Dauerbelastung durch die Belastungen anderer Frauen (oder Männer) in Unterkünften stellen in Krisen eine große Herausforderung dar. Darum wollen wir einen geschützten Wohnraum bieten, der dem einer regulären Wohnung entspricht. Als Übergang in der Krisenzeit um neue Perspektiven zu entwickeln

Mit Wachsen des Projekts, verfolgt Kemenate seit 2016 das Ziel, zunehmend dauerhaften Wohnraum für Frauen im Sinne von Wohnen zuerst, anbieten zu können.